Wenn Du jetzt denkst: „Warum das denn? Kostenloser Versand ist doch etwas Großartiges.“ Dann ist dieser Beitrag für Dich. Denn heute sprechen wir mit Christian Fischer, einem Menschen, der schon vor der Einführung des kostenlosen Versandes im Logistikgeschäft aktiv war.

Christian ist der Inhaber der LDS GmbH & Co. KG in Suhl. Die Buchstaben LDS stehen für Logistik und Dienstleistungsservice. Als Unternehmer aus dem Logistikbereich sieht Christian die Sache mit dem kostenlosen Versand, die in den letzten Jahren fast überall zu einem Standard geworden ist mehr als kritisch. Warum das so ist, wird er uns heute verraten. Doch bevor wir dieses Thema besprechen, wollen wir unseren Interviewpartner erst einmal richtig vorstellen.

Wer ist Christian Fischer?

M:Hallo Christian, danke dass Du Dir die Zeit für uns nimmst. Wir sind neugierig: Warum hast Du ein Logistikunternehmen gegründet?

C: Dass ich heute ein Logistikunternehmen leite, verdanke ich mehr oder weniger vielen glücklichen Zufällen. Eigentlich bin ich gelernter Fleischer mit der Fachrichtung Verkauf. Zu der Zeit, als ich meine Ausbildung machte, gab es für Männer in Deutschland noch die Wehrpflicht. Der Griff zur Waffe war für mich keine Option und so machte ich mich auf die Suche nach einer Zivildienststelle und fand diese bei einem Fahrdienst für Menschen mit Behinderung.

Schon während meiner Ausbildung zum Fleischer habe ich gemerkt, dass mir der Kontakt mit den Kunden mehr liegt als die Fertigung von Produkten. Während meines Zivildienstes bestätigte sich diese Erkenntnis. Ich genoss es jeden Tag mit Menschen zu tun zu haben und lernte gleichzeitig mit dem Fahrdienst eine völlig neue Branche kennen. Die Erfahrungen, die ich hier machte, faszinierten und schockierten mich zu gleichen Teilen.

Die Faszination lag in der Erkenntnis, wie wichtig und hilfreich meine Tätigkeit war. Die Menschen, die wir täglich von A nach B brachten, gewannen durch uns einen zusätzlichen Bewegungsradius. Was mich schockierte war der oft harsche Umgang mit mir und meinen Kollegen. Das, was wir taten, wurde von vielen Menschen als selbstverständlich angesehen. Es herrschte Routine, keine Dankbarkeit und bei Verspätungen gab es selten Verständnis für Faktoren die wir als Fahrer nicht beeinflussen konnten, wie zum Beispiel Stau. Stattdessen schlugen uns häufig Frustration und Vorwürfe entgegen. Kurz wir taten unser Möglichstes und schrubbten Überstunden, doch echte Dankbarkeit wurde uns weder von unseren Kunden noch von unseren Vorgesetzten entgegengebracht.

M: Okay, das klingt nicht so überzeugend, warum bist Du dennoch nicht wieder zurück in die Fleischerei gegangen?

C: Klar hätte ich nach dem Zivildienst wieder in meinen alten Beruf zurückkehren können. Doch ich war jung und in meinem jugendlichen Übermut dachte ich, dass ich die Dinge ändern kann und den Status Quo nicht einfach akzeptieren müsste. Wie der Zufall es wollte, bot sich in meiner eigenen Familie die Chance diesen Änderungswunsch wahr werden zu lassen.

Mein Vater hatte zu diesem Zeitpunkt eine Werbemittelvertriebsagentur, die Broschüren an Kunden verteilte. Da das Verteilen von Broschüren und das Fahren von Personen einige Gemeinsamkeiten hat, griff ich die Gelegenheit beim Schopfe und heuerte bei meinem Vater als Mitarbeiter in der Logistik an. Da ich der erste Logistiker im Unternehmen war und mein Vater keine Erfahrungen in der Koordinierung mehrere Fahrer hatte, konnte ich diesen Bereich nach meinen Vorstellungen gestalten.

Wie wurde Christian Fischer Logistiker?

M:Wie kommt es, dass Du heute nicht das Unternehmen Deines Vaters führst?

C: Im Unternehmen meines Vaters hatte ich erstmals Kontakt mit der Brieflogistik. Diese befand sich systembedingt damals in einem heftigen Umbruch. Lange Zeit gab es in Deutschland das Post- bzw. Briefmonopol. Und wenn ich lange sage, meine ich richtig lange. Das Postmonopol geht auf das Jahr 1500 zurück. 2005 begann dieses Monopol im Zuge des Ausbaus der Europäischen Gesetzgebung zu bröckeln. Plötzlich hatte die Deutsche Post nicht mehr das exklusiver Recht in Sachen Brieflogistik. Mit dem Monopol gab es nun nicht mehr nur die Deutsche Post in diesem Bereich, sondern viele kleine Markt Teilnehmer, die versuchten das für sie neue Geschäftsfeld zu erschließen. Dies stellte die täglichen Routine-Prozesse der Briefverteilung, die auf das Monopol gebaut worden waren unter erheblichen Stress.

Eines schönen Tages kam daher jemand vom Thüringer Zustelldienst (TDZ) auf mich zu. Dieser hatte keine Lust mehr jeden Tag unzählige Endauslieferer abzufertigen, die Briefe hier abholten und zu den eigentlichen Adressaten brachten. Der Mensch wollte von mir wissen, ob ich nicht den Zwischentransport übernehmen könnte, sprich jeden Tag alle Briefe von der Zentrale der TDZ abholen und diese zu allen Endauslieferern bringen könnte.

Ganz ehrlich, dass klang nach der ultimativen Gelegenheit und so verabschiedete ich mich aus dem Unternehmen meines Vaters und gründete die LDS. Die TDZ war nur der Anfang. Kurze Zeit später übernahmen wir die gleiche Aufgabe auch für

  • TNT,
  • DHL Express,
  • Deutsche Post und
  • DPD.

Mit dem steigenden Auftrags-Volumen wuchs mein Unternehmen. Ich stellte immer mehr Mitarbeiter ein, denen ich genau die Wertschätzung entgegenbrachte, die ich mir während meines Zivildienstes gewünscht hätte.

Da das Konzept erfolgreich war, habe ich es über Jahre beibehalten. Ich habe immer wieder nach neuen Geschäftsbereichen Ausschau gehalten, damit die LDS nie in Abhängigkeit von einem Kunden gerät und so abhängig und damit unbeweglich wird. Gleichzeitig habe ich meine Mitarbeiter mehr wie Kumpels behandelt als wie Angestellte. Sprich ich tat alles in meiner Macht stehende, damit es meinen Mitarbeitenden gut ging. Dennoch bin ich bis heute nicht an dem Punkt gekommen, an dem ich sein möchte.

Was sind die aktuellen Probleme der Branche?

M: Woran liegt das?

C: Nun, ich könnte jetzt auf den Themen rumreiten, die wir alle aus der Presse kennen:

  • die Spritpreise
  • die Löhne und
  • die Energiekosten

steigen. All diese Faktoren sorgen dafür, dass ich als Unternehmer immer wieder prüfen muss, ob ich meine Preise erhöhen muss, oder irgendwo Kosten sparen kann. Das macht wenig Freude. In meinen Augen gibt es aber ein größeres Problem, dass in den Medien keine Bühne hat und dass das Thema unseres heutigen Interviews ist: der kostenlose Versand, der sich mit der Ausweitung des Internets über die Jahre deutschlandweit etabliert hat. Durch diese unsägliche Versandart und durch die „Geiz ist Geil Mentalität“, die den Menschen in diesem Land über Jahre hinweg in Form von Werbung in den Schädel gehämmert wurde, ist eine Situation für meine Arbeitnehmer entstanden, die ich als unerträglich empfinde.

Getreu dem Motto „was nichts kostet, ist nichts wert“, werden meine Mitarbeiter immer wieder zum Prellbock für frustrierte Paketempfänger. Die Kunden sehen nicht den Menschen, der 5 Pakete a 20 Kilo in den 5ten Stock schleppt. Sie sehen nur das Ergebnis und wehe dieses Ergebnis ist, dass sie nicht zu Hause waren, oder aufgrund ihres Noise Cancelling Kopfhörers die eigene Klingel nicht gehört haben und die Pakete beim Nachbarn im Erdgeschoss abgegeben wurden. Wenn das passiert, hagelt es Anrufe, Beschwerden und schlechte Bewertungen.

Wie heftig diese Reaktionen zum Teil sind, kannst Du in manch einem Online-Forum oder auf manchen Social Media Plattformen tag täglich lesen. In Summe führt all das dazu, dass der Job des Paketboten immer unbeliebter wird. Während der Mann von der Post hoch angesehen und gut bezahlt war, werden Lieferanten heute im Internet schnell mal als faule Nichtsnutze hingestellt, die nicht lesen können. Paketboten, die so etwas lesen, verlieren schnell die Lust an diesem körperlich fordernden Job. Kaum ein Deutscher hat noch Lust den Job zu machen. Da dieser dennoch gemacht werden muss, springen vermehrt Menschen ein, die die Sprache nicht gut genug beherrschen, um in Onlineforen etwas von der unfairen Behandlung mitzubekommen, die sie ereilt. Mit solchen Kommentaren erschaffen die Kommentatoren unbeabsichtigt eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Das krasse ist, dass der kostenlose Versand nicht nur meinen Mitarbeitern, sondern auch dem Kunden schadet.

Warum ist kostenloser Versand ein Problem?

M: Wie genau soll etwas Kostenloses bitte Schaden beim Kunden anrichten?

C: Nun der kostenlose Versand ist nicht kostenlos. Ein Unternehmen, dass etwas verschickt, muss einen Logistiker für den Transport bezahlen. Die Versandkosten, die entstehen müssen, irgendwie gedeckt werden. Die meisten Onlinehändler machen eine Mischkalkulation. Das bedeutet im Verkaufspreis eines Artikels sind Versandkosten enthalten, Du siehst sie einfach nur nicht. Da Kunden meist auch ein kostenloses Retouren Etikett bekommen, wird auch dieser Kostenblock oft im Kaufpreis eines Produktes mit einkalkuliert.

Durch diese versteckten Kosten, zahlen immer wieder Kunden mehr als sie zahlen müssten. Hier ein Beispiel aus der Praxis. reBuy ist ein Anbieter für gebrauchte Waren. Du kannst dieses gebrauchte Kochbuch für 11,49 € plus 3,99 € Versandkosten bei rebuy direkt kaufen und zahlst 15,48 €. Oder Du kaufst das ganze versandkostenfrei über den gleichen Anbieter bei Amazon und zahlst dafür 17,15 €. Und jetzt frage ich Dich: Bei welchem Deal kommst Du besser weg?

Das aktuelle System belohnt Menschen, die kleinteilig viel bestellen und viel zurücksenden. Die Kosten dafür tragen jene Menschen, die bewusst bestellen und nichts bzw. fast nichts zurücksenden.

Ein Onlineshop, der keinen kostenlosen Versand anbietet, kann Kunden, die gern viel auf einmal bestellen bessere Preise bieten, weil er nur die Versandkosten berechnet, die auch wirklich anfallen. Zudem ist er auch für die Umwelt besser, weil Verbraucher so dazu motiviert werden Sammelbestellungen zu machen und stärker darüber nachdenken, ob sie Dinge wieder zurücksenden.

Doch die Sache ist die: ein Shop mit kostenlosem Versand lässt sich leichter vermarkten. Hier ist in meinen Augen wie damals beim Briefmonopol die Politik gefragt. Ich wünsche mir an dieser Stelle ein Gesetz, von dem wir alle wie folgt profitieren

  • Der Verbraucher, der keine versteckten Kosten mehr tragen muss.
  • Der Bote, der mehr Wertschätzung von seinen Kunden erhält.
  • Die Umwelt, die davon profitiert, dass Kleinstbestellungen unterlassen werden.
  • Die Innenstädte leben wieder auf, weil Menschen für Kleinigkeiten lieber schnell in die Stadt gehen, statt vom Sofa aus im Internet zu bestellen.

Was passiert, wenn der Verbraucher die Versandkosten sieht und bezahlt, sehen wir in der Schweiz. In der Schweiz kostet ein Paket, das nach Hause geliefert wird, ca. 15 Euro. Auch der Rückversand schlägt mit 15 Euro zu Buche. Die hohen Versandkosten führen bei unseren Nachbarn bereits heute dazu, dass Paketboten mehr Wertschätzung erfahren und weniger Bestellungen getätigt werden. Dank dieser Versandkostenregelung ist das Online-Einkaufen in der Schweiz ein echtes Erlebnis.

Ist ein Verbot die einzige Lösung für das Problem?

M: Aus dieser Perspektive betrachtet klingt Deine Forderung gar nicht mehr so radikal. Meinst Du dieses Gesetz würde dafür sorgen, dass Paketboten endlich so behandelt werden, wie Du es Dir wünschst?

C: In meinen Augen wäre dieses Gesetz ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg. Doch die politischen Mühlen mahlen bekanntlich langsam und wir können nicht immer darauf warten, dass diese endlich loslegen.
Tatsächlich kannst Du als Verbraucher, bzw. Paketempfänger von jetzt auf gleich ohne großen Aufwand dafür sorgen, dass es Deinem Paketboten besser geht, denn Du brauchst kein Gesetz, um Dein Verhalten zu ändern. Du kannst Dein Verhalten einfach selbst verbessern.

  1. Denke in Zukunft einfach darüber nach, ob eine Bestellung jetzt wirklich sein muss, oder ob Du noch etwas warten und sie mit einer anderen Bestellung zusammenfassen kannst.
  2. Komme Deinem Paketboten wann immer möglich auf der Treppe entgegen. Dies ist eine echte Arbeitserleichterung, die dafür sorgt, dass Dein Bote zwischendurch auch mal die Zeit hat in Ruhe etwas zu essen, oder zu trinken.
  3. Lass Deinem Boten zu Feiertagen kleine Aufmerksamkeiten zukommen. Ein kleiner Schokoladennikolaus zaubert jedem Boten, den ich kenne, ein Lächeln ins Gesicht.
  4. Lächle bei der Paketannahme. Ein Lächeln kostet nichts und die Wertschätzung, die damit zum Ausdruck gebracht wird, ist unbezahlbar.
  5. Ein paar nette Worte wie „Ich danke Dir, Du machst einen großartigen Job.“ Bei der Paketannahme sind ebenfalls starke Motivatoren für Paketboten.

M: Stimmt, diese 5 Punkte klingen durchaus machbar. Gibt es noch andere Dinge, die Dir bzw. Deinen Mitarbeitern das Leben leichter machen könnten?

C: Ja, absolut. Weitere wichtige Stellschrauben wären aus meiner Sicht

  1. die Reduktion der Bürokratie
  2. weniger Regularien
  3. mehr Handlungsspielraum, um effizienter zu sein

Welche anderen politischen Lösungen gibt es?

M: Das klingt etwas abstrakt. Hast Du Praxis-Beispiele für uns?

C: Ja, natürlich. Alles zu erläutern würde zu weit führen, daher gehe ich hier einmal auf drei Themen ein, die unter den ersten Punkt fallen.

Ein Beispiel für eine Bürokratiehürde ist die „Transport-EU-Lizenz“. Die brauche ich als Unternehmer, wenn ich Waren mit einem Gesamtgewicht über 3,5 Tonnen transportiere. Aus meiner Sicht spricht nichts gegen die Lizenz, was ich nicht verstehe, ist warum ich diese Lizenz alle 10 Jahre für viel Geld erneuern muss.

In Sachen Arbeitnehmerverantwortung habe ich Dinge wie den Arbeitsschutz im Sinn. Ich finde Arbeitsschutz wichtig und richtig. Meine Mitarbeiter bewegen große Fahrzeuge und schwere Waren. Werden diese falsch gehandhabt können Menschen Schaden erleiden. Was mich hier nervt ist, dass ich als Unternehmer die Alleinverantwortung trage. Wenn ich einem Mitarbeiter sage, dass er seine Arbeitsschuhe tragen soll, damit er sich nicht verletzt und er dieser Arbeitsanweisung zuwiderhandelt, trage ich als Unternehmer die Konsequenzen, wenn sich mein Mitarbeiter verletzt. Das ist absurd. Meine Mitarbeiter sind nicht meine Kinder. Es sind erwachsene Menschen, die Dinge entscheiden können. Wenn ein Mitarbeiter entgegen den Anweisungen keine Arbeitsschutzkleidung trägt und sich verletzt, sollte die Verantwortung für den Schaden bei ihm liegen, soweit er diesen tragen kann.

Was den sinnvollen Einsatz von Steuergeldern angeht, ist die Maut ein Paradebeispiel. Der Gesetzgeber hat zum 01.12.2023 eine deutliche Anhebung der Maut für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen beschlossen. Doch statt das Geld in die Verbesserung der Straßen zu stecken, die es an einigen Stellen wirklich sehr nötig haben, nimmt der Staat die Einnahmen zum Ausbau des Schienenverkehrs. Das geht so nicht. Was der LKW-Fahrer zahlt, sollte auch dem LKW-Fahrer zu Gute kommen. Wir brauchen ein transparentes Steuersystem und nachvollziehbare Steuern, damit Menschen diese gern zahlen und sich nicht die ganze Zeit fragen, was sie eigentlich davon haben.

M: Das sind spannende Punkte, das Thema ist ganz schön komplex, oder?

C: Ja, das ist es. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich als Unternehmer nicht alle Probleme lösen kann, die meine Branche betreffen. Es ist in der Logistik halt wie überall im Leben: Gemeinsam sind wir stark. Wenn Unternehmer, Mitarbeiter, Kunden und die Politik eine gemeinsame Vision haben und an einem Strang ziehen, können wir viel mehr erreichen, als wenn jeder seinen eigenen Kampf führt.

Als Unternehmer in der Logistik leiste ich jeden Tag in meinem Bereich meinen Beitrag und ich hoffe, dass dieses Interview von Menschen gelesen wird, die in den anderen Bereichen, über die wir heute gesprochen haben Ihren Beitrag leisten können. Wer weiß, vielleicht ist Paketbote dann in 20 Jahren wieder ein echter Traumjob, wie damals, als es noch das Postmonopol gab. Lassen wir uns überraschen.
Ich danke Dir für diese schönen Abschlussworte und verspreche hiermit in meiner Rolle als Paketempfängerin meinem Boten das Leben leichter zu machen.