Datenschutz und Social Media passen auf den ersten Blick so gut zusammen wie Feuer und Wasser. Beim Datenschutz geht es darum Daten zu schützen, bei Social Media geht es darum, dass möglichst viele Menschen Deine Posts – die am Ende auch Daten sind – sehen.

Von der DATEV lernen, wie es geht

Weil diese beiden Dinge auf den ersten Blick kaum zusammen passen, haben wir uns für diesen Beitrag Unterstützung von Christian Kaiser geholt. Christian ist sehr aktiv auf Social Media

Interview – Schnellnavigation

und arbeitet gleichzeitig für die DATEV. Die DATEV ist eine Genossenschaft für Steuerberater mit 40.000 Mitgliedern, die den Datenschutz sehr ernst nimmt, da die Daten, die sie im Auftrag ihrer Kunden speichert und verarbeitet höchst sensibel sind. Gleichzeitig ist die DATEV erfolgreich auf Social Media aktiv

Christian (C) und die DATEV zeigen erfolgreich, dass Datenschutz und Social Media zusammenpassen. In unserem heutigen Interview wollen wir von Christian wissen, wie das im Alltag funktioniert. Zu unserer großen Freude hat Christian sich zu diesem Interview bereit erklärt und geduldig Marias (M) Fragen beantwortet.

Wer ist Christian?

Christian Kaiser, der studierter Pädagoge ist, arbeitet seit 1996 bei der DATEV und ist hier aktuell Leiter Diversity & Transformation. In dieser Rolle hat er die Aufgabe eine vielfältige und inklusivere Arbeitswelt zu fördern“ – #DATEVistbunt & #DATEVlernt

Während der fast 3 Jahrzehnte, die er für die Genossenschaft arbeitet, hat Christian in unterschiedlichen Bereichen wie zum Beispiel

  • der Weiterbildungsabteilung
  • der Personalabteilung
  • im Softwareentwicklungsbereich
  • im Außendienst und
  • in einem organisationalen Experiment (Cross Solution Center)

mitgewirkt. Dabei hatte er Kontakt zu einigen der ca. 9.000 Kollegen, die in der Organisation arbeiten.

Seit wann gehört Social Media zu Christians Arbeitsalltag?

M: Hallo Christian, erst einmal möchte ich Dir danken, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder erlebt, dass neben zahlreichen anderen Dingen auch der Wunsch die eigenen Daten zu schützen Unternehmen auf Social Media ausbremst. Aus diesem Grund freuen wir uns sehr mit der DATEV eine Organisation gefunden zu haben, die sich nicht von diesem oder anderen Gründen davon abhalten lässt auf Social Media präsent zu sein. Da Du schon vor der Erfindung von Social Media für die DATEV gearbeitet hast, würde ich unser Interview gern mit der Frage beginnen, seit wann Social Media zu Deinem Arbeitsalltag gehört?

C: Das kann ich Dir auf den Tag genau beantworten. Das war 2018 auf Twitter. Spannenderweise war ich damals schon 9 Jahre auf der Plattform, doch in diesen 9 Jahren war ich eher ein Beobachter, der den Nutzen von Twitter nicht so recht verstanden hat. Ich war auf damals viel aktiver auf Facebook. Im Nachhinein betrachtet, habe ich aber auch diese Social Media Plattform 2018 nicht so recht verstanden. Damals war ich mit 2 Profilen auf Facebook unterwegs. Ich wollte meine DATEV Kontakte nicht mit meinen Musik Inhalten nerven und meine Musik Kontakte nicht mit meinen DATEV Inhalten. Für mich waren die beiden Themen gedanklich so weit voneinander getrennt, dass sie nicht in ein Social Media Profil passten.

2018 hatte mein großartiger Kollege Matthias Bulligk mich, Alper Aslan

und 10 andere Kollegen der DATEV zu einem Event von intrinsify mit Lars Vollmer und Mark Poppenborg in Berlin eingeladen. Lars Vollmer ist Redner und Autor. Seine Bücher tragen Titel wie „Zurück an die Arbeit“ und thematisieren die Probleme, die in Unternehmen entstehen, wenn die Mitarbeitenden mehr mit Theater spielen, als mit Arbeiten beschäftigt sind.

Ich erwähne Alper hier, weil er damals im Gegensatz zu mir Social Media bereits voll geblickt hatte. Alper ist im Vergleich zu mir auch heute noch ein DATEV Newbee, weil er erst seit 2014 und damit fast 20 Jahre nach mir in der Organisation zu arbeiten begann. Damals war Alper noch keine fünf Jahre bei der DATEV, daher fragte er mich und meine Kollegen am ersten Abend, ob wir über den Event mit Lars Vollmer auf Social Media berichten dürften. Diese Frage hat mir in Bezug auf Social Media die Augen geöffnet. Dank Alper und den Erfahrungen mit geteiltem Wissen auf dem Event verstand ich besser, dass Social Media eine Möglichkeit ist Erkenntnisse mit der Welt zu teilen und im Zusammenspiel mit Kolleg:innen dann auch etwas zum Miteinander in der Organisation zu vermitteln.

Also twitterten wir 12 an diesen Tagen sehr intensiv unsere Learnings in die Welt. Es war wie ein Wettbewerb, bei dem wir uns gegenseitig mit Fragen wie

  • Wer hat eine interessante Erkenntnis erfahren?
  • Wie passen Aussagen der Sessions zueinander und zu unseren Erfahrungen?
  • Welche Reaktionen lösen unsere Tweets aus?

anstachelten. Das spannende an diesem Wettbewerb war, dass er nicht gegeneinander, sondern gemeinsam gespielt wurde. Wenn jemand einen Tweet hatte, der gut ankam, wurde dieser von den anderen aus der Gruppe kommentiert und ergänzt.

M: Vielen Dank für die Schilderung. Ich hätte an dieser Stelle eine Frage zu dem, was Du am Anfang gesagt hast. Du hast gesagt, dass Du damals zwei Facebook Profile hattest. Das Problem haben glaube ich viele Menschen auf Social Media. Wie gehst Du heute mit Deinen unterschiedlichen Rollen (DATEV Mitarbeitender & Musiker) auf Social Media um?

C: Bei meinem Social Media Beginn ca. 2009 konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass ich Themen im Rahmen meiner Aufgaben im Bereich Personalmarketing für DATEV mit meinen privaten Aktivitäten in einer Rockband verbinden kann. Mir erschienen die Welten auch kommunikativ unpassend.

Erst mit einer längeren Erfahrung im Bereich Social Media – durchaus zeitgleich mit der oben beschriebenen stärkeren Intensität – habe ich inzwischen eine integrierte Kommunikation. In meinem Newsletter teile ich inzwischen auch Erlebnisse mit meiner Band.

In meinem digitalen Zwilling überwiegt aber dennoch die berufsbezogene Kommunikation.

Welche Rolle spielt Social Media heute in Christians Arbeitsalltag?

M: Dank Deiner Schilderung wissen wir nun, wie Du auf Social Media laufen gelernt hast. Welche Rolle spielt Social Media heute in Deinem Arbeitsleben? Berichtest Du noch immer über Events?

C: Heute, also nur sieben Jahre nach diesem Event ist Social Media gewissermaßen mein Arbeitsalltag. So veröffentliche ich seit April 2022 zum Beispiel jede Woche einen Newsletter auf LinkedIn, in dem ich berichte, was ich die letzte Woche gemacht habe. Allein in diesen Newsletter investiere ich 6 bis 8 Stunden pro Woche. Das klingt auf dem ersten Blick nach viel, ist es aber nicht, wenn wir auf die Reichweite des Newsletters schauen. Dieser hat derzeit 1.931 Abonnenten. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass nur 30% der Abonnenten die jeweilige Ausgabe lesen, bedeutet dass, dass ich in nur 6 bis 8 Stunden ca. 500 Menschen mit den Informationen aus dem Newsletter versorge. Das würde ich selbst mit technischen Hilfsmitteln wie einem Videocall in der gleichen Zeit nicht schaffen. Zudem hat der Newsletter einen weiteren Vorteil. Er dokumentiert die Transformation, die wir in der DATEV erleben in kleinen Teilschritten. Die 84 Newsletter, die ich in den letzten Monaten erstellt habe, zeigen schon jetzt ein detailliertes Bild unserer Transformation, das ohne Newsletter nicht so nachvollziehbar wäre.

Die Transformation zu dokumentieren ist für mich in meiner Funktion eine wichtige Aufgabe. Wir versuchen mit diversen und inklusiven Plattformen organisationalen Lernens zu gestalten und damit die Entwicklung der Organisation zu unterstützen. Ein wichtiger Bereich in der Transformation ist dabei der Wissensaustausch. Wir haben diesen Austausch gefördert, indem wir offene Bürostrukturen gestaltet haben. Auch durch die pandemischen Entwicklungen, wenn unsere Mitarbeitenden immer häufiger auch mobil arbeiten und z. B. im Homeoffice sind, brauchen wir heute einen immer vernetzteren Wissensaustausch. Durch die Möglichkeiten von Social Media mein Wissen und meine Erfahrungen zu teilen und andere DATEV Mitarbeitende in dieser Kommunikation zu beteiligen, indem ich sie mit einem @ erwähne, kann ich den Wissensaustausch aktivieren und intensivieren.

Im Grunde genommen mache ich also noch immer das, was ich damals 2018 mit Alper und meinen Kollegen intensiver begonnen habe. Heute mit viel mehr Kolleg:innen und Kommunikationspartern:innen. Wir stimmen uns im Team ab wer was wo kommuniziert. Es gibt ein gemeinsam getragenes Verständnis, dass wir möglichst viel kommunizieren und dadurch nachvollziehbar zu machen.

Ich würde mir wünschen, dass noch mehr meiner fast 9.000 Kolleg:innen auch intensiver kommunizieren würden. Das würde uns helfen unser Wissen intern fließen zu lassen und Mitarbeitende zu fördern, weil Du plötzlich weißt, wer was kann, sprich, wer Wissen mit einem anderen teilen kann, der dies gerade benötigt.

Erfolgsgeheimnis DATEV Botschafter

M: Moment, das klingt jetzt so, als seien Du und Dein Team bei der DATEV in Sachen massiver Social Media Kommunikation die Ausnahme.

C: Nein, neben uns gibt es inzwischen ca. 300 Kollegen in der DATEV-Botschafter:innen Community, die auch aktiv auf Social Media unterwegs sind. Seit 2018 gibt es diese von der Unternehmenskommunikation gestaltete Community, die die interessierten Kolleg:innen dabei unterstützt,

  • ihre Ziele über Social Media zu erreichen und
  • wie sie es dabei vermeiden in Urheberrechtsfallen zu laufen.

Dieses Botschafterprogramm hat die Aussendarstellung der DATEV in den letzten Jahren verändert. Die Menschen, die den Social Media Accounts der Kolleg:innen folgen, lernen eine bunte(re) Organisation kennen, die Ihre Mitglieder tatkräftig dabei unterstützt Themen wie die Digitalisierung oder den Fachkräftemangel anzugehen, indem sie das hierfür notwendige Wissen nicht nur innerhalb der DATEV, sondern auch mit Ihren Followern teilt.

M: Lass mich raten: Der Datenschutz und Social Media sind auch Teil dieses Ausbildungsprogramms, richtig?

C: Ganz genau. Im Rahmen der Ausbildung lernen unsere Botschafter welche Inhalte geteilt werden dürfen und welche Inhalte nicht, weil sie im Sinne des Datenschutzes problematisch wären. Sie lernen, welche Abstimmung vor einer Veröffentlichung von Inhalten und/oder Fotos notwendig ist.

M: Was würdest Du sagen, erreicht die DATEV heute über Social Media, dass sie ohne Social Media nicht erreichen würde?

C: Auch heute noch hilft uns Social Media dabei der Öffentlichkeit zu zeigen, dass die DATEV im Inneren bunt ist. Zudem hilft Social Media uns dabei Teilnehmer für unsere Events, wie zum Beispiel die Digicamps zu gewinnen.

Meine Chefin Julia Bangerth teilt über diesen Weg regelmäßig fachliche Inhalte über unser Produktportfolio und Entwicklungen wie z.B. jüngst über Datenethik und KI.

Ist die DATEV auf Social Media das ultimative Vorbild?

M: Was meinst Du, sollte jedes Unternehmen Social Media so nutzen, wie die DATEV es nutzt?

C: Nein, ich glaube nicht, dass es für jedes Unternehmen Sinn macht, Social Media so zu nutzen, wie wir es nutzen. Allerdings glaube ich, dass es für jeden Wissensarbeiter (also z.B. Softwareentwickler, Designer, Ideenmanager), der von seiner gedanklichen Arbeit lebt und jedes Unternehmen das Wissensarbeiter beschäftigt Sinn macht Social Media bzw. vernetzte Kommunikation im Allgemeinen bewusst zu nutzen.

Unser heutiges Interview ist ein Beispiel, dass zeigt, welches Potenzial Social Media in Bezug auf den Wissensaustausch zwischen Organisationen hat, die auf den ersten Blick so gar nichts miteinander zu tun haben. Du hast in Deinem Alltag festgestellt, dass Datenschutz für Unternehmen in Bezug auf Social Media eine Hürde darstellt. Mit den Mitteln, die Du innerhalb Deiner Organisation zur Verfügung hattest, konntest Du diese Hürde ohne erheblichen Zeitaufwand nicht überwinden. Weil wir beide uns dank einem unserer drei Digicamps (der DATEV Barcamps), die 2020 stattgefunden haben und dank Alper kennen, wusstest Du, dass ich und die DATEV mit dieser Herausforderung umgehen. Also hast Du Dich entschieden eine Abkürzung zu nutzen und mittels dieses Interviews mein Praxiswissen anzuzapfen. Weil wir uns schon seit 3 Jahren kennen und ich daher weiß, wie Du tickst konnte ich Dir sofort die Interviewzusage geben und teile nun Wissen mit Dir, dass unter Umständen Dich, Deine Kunden und KollegInnen in der DATEV orientiert.

Das, was wir beide gerade machen, ist eine Beispiel für eine Kommunikation, die Teams aus Wissensarbeitern brauchen. Wenn alle Teammitglieder

  • miteinander kommunizieren
  • ihr Wissen mit anderen Teammitgliedern teilen
  • nach Hilfe fragen, wenn sie nicht weiter kommen

dann investieren sie mit all dem in ihre persönliche Entwicklung. Menschen, die jeden Tag auf diese Weise in ihre persönliche Entwicklung investieren sind in meinen Augen die ultimative Antwort auf die dynamischen Veränderungsprozesse, die wir alle dank Innovationen wie ChatGTP durchlaufen. Wie genau das im Alltag aussieht, dokumentiert mein bereits vorhin erwähnter Newsletter, der auf meiner Webseite auch für Nicht-LinkedIn-Mitglieder sichtbar ist.

Zusammenfassend möchte ich Deine Frage wie folgt beantworten: Aus meiner Sicht sollten Unternehmen, die in einer Wissensbranche unterwegs sind Mitarbeitende anregen im Team und auf Social Media vernetzt zu kommunizieren. Diese Art der öffentlichen Kommunikation lässt nicht nur Wissen fließen, es zahlt auch auf die Wahrnehmung als Arbeitgeber ein und macht so neue potenzielle passende Mitarbeiter:innen auf ein Unternehmen aufmerksam.

Wie könnte die DATEV Social Media Zukunft aussehen?

M: Vielen Dank, dass Du Dein Wissen mit uns geteilt hast. Zum Abschluss habe ich noch eine ganz besondere Frage an Dich: Stell Dir vor eine gute Fee würde Dir in Bezug auf Euren Social Media Auftritt 3 Wünsche erfüllen. Was würdest Du Dir für Eure Social Media Zukunft wünschen?

C: Ich wünsche mir, dass es uns gelingt der Öffentlichkeit zu zeigen, dass nicht nur die DATEV bunt ist, sondern dass unsere Mitglieder Unternehmen in vielfältiger Weise unterstützen können. Steuerberater können Unternehmen z. B. auch beim Datenschutz unterstützen, da jeder Steuerberater, der bei uns Mitglied ist auf unser Wissen in diesem Bereich und auf die Technologie, die wir in diesem Bereich entwickelt haben, zugreifen kann.

Die DATEV hat seit 1966 viel Wissen in Sachen Datenschutz gesammelt. Wir bieten zahlreiche dieser Lösungen nicht nur unseren Mitgliedern, sondern auch ihren Mandanten auf unserem Marktplatz an.

Mein zweiter Wunsch schließt sich an den ersten Wunsch an. Ich würde mich freuen, dass noch mehr unserer Mitglieder auch auf Social Media aktiv sind. Mitglieder wie Jörg Eckstädt von Das Steuerbüro. Diese Kanzlei ist so digital unterwegs, dass sie seit Jahren die Anforderungen für unser Siegel Digitale Kanzlei übererfüllt. Ganze 90 % ihrer Mandanten reichen ihre Belege über unsere Software „Unternehmen Online“ digital ein. Damit ist das Steuerbüro aber noch nicht zufrieden. Sie wollen 100% digitale Belege. Es wäre wunderbar, wenn Unternehmer in Deutschland z.B. auch via Social Media erkennen, dass Steuerberater sie dabei unterstützen können aktuelle Herausforderungen wie die Digitalisierung zu stemmen.

Der dritte Wunsch, den ich habe, ist dass wir unsere Transformation vom Egosystem zum Ökosystem erfolgreich gestalten. Ich würde mich freuen, wenn wir dazu animieren könnten aktiv in diesem Ökosystem mit zu gestalten. Und über dieses Mitgestalten dann auch z. B. via Social Media kommunizieren.

M: Vielen Dank, dass Du auch Deine Wünsche mit uns geteilt hast. Wir drücken Dir die Daumen, dass diese in Erfüllung gehen und Danken Dir, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Wer weiß, vielleicht trägt es am Ende sogar einen kleinen Teil dazu bei, dass Deine Wünsche wahr werden.

C: Das wäre großartig.